Es war ein Januartag, wie er in Norddeutschland häufig vorkommt. Wie Blei hingen die grauen Wolken am Himmel und ließen das Tageslicht im Halbdunkel. Obwohl kein Frost herrschte, froren die Menschen erbärmlich, denn der Wind trieb die feucht-kalte Luft durch die Bekleidung bis auf die Haut. Es war ein Wetter, bei dem man keinen Hund auf die Straße jagt. Ich sollte dieses Wetter noch zu spüren kriegen.
Doch jetzt saß ich in der warmen Küche auf dem Boden und spielte mit einem Holzpferd, das einen Wagen zog. Beides hatte Opa Johann selbst gebastelt, und mir zu meinem Geburtstag im letzten Jahr das Pferd und zu Weihnachten den Wagen geschenkt. Meine Freude war riesengroß, denn für einen sechsjährigen war dies ein passendes Spielzeug. Außerdem waren Spielsachen für mich eine Rarität, denn wir besaßen kaum das Nötigste zum Leben. Da blieb für Spielzeug nichts mehr übrig.
Mein Vater war jetzt schon fünf Jahre arbeitslos und Opa, der mich als sein erstes Enkelkind abgöttisch liebte, war durch einen schweren Arbeitsunfall Frührentner geworden. Oft genug wussten meine Mutter und Oma nicht, was sie auf den Tisch bringen sollten. Opas Rente und der geringe Lohn meiner Mutter, sie arbeitete in einer Gummiwarenfabrik als Ballmalerin, machten es notwendig, dass sich die Eltern und Großeltern zusammen eine Wohnung teilten.
Die Wohnung war sehr klein, und durch das enge Zusammenleben kam es oft zu Spannungen und Reibereien. Es gab zwei Zimmer und eine Wohnküche, in der sich überwiegend das Familienleben abspielte. Obwohl die Küche nicht klein war, hatte ich immer den Eindruck, dass der große schwarze Kochherd die Küche beherrschte. Dieser Eindruck wurde durch eine große schwarze Platte verstärkt, die unter dem Herd auf den Fußboden genagelt war. Dann war da noch die schmutzige Kohlenkiste, um die ich immer einen großen Bogen machte, um nicht schwarz zu werden. In der Nähe des Herdes war der Küchentisch aufgestellt, mit einigen Stühlen und einem Sofa. Dadurch sah diese Ecke ganz gemütlich aus. Am schönsten war es hier an den Winterabenden, wenn alle um den Tisch herumsaßen. Nach dem Abendessen, wenn der Tisch abgeräumt war, wurde das Deckenlicht ausgeschaltet und der Vater nahm einige Herdringe heraus, damit das Herdfeuer die Wohnecke ein wenig beleuchtete. Das gelblich rot flackernde Licht spiegelte sich an der Zimmerdecke und verbreitete so eine recht romantische Stimmung.
Dann erzählte Opa sagenhafte Geschichten aus seiner westpreußischen Heimat, in denen sich Wolf und Fuchs gegenseitig hereinlegten, wobei der schlaue Fuchs gegen den etwas dümmlichen Wolf die Nase immer vorn hatte. Diese Erzählungen fand ich immer wieder spannend, obwohl ich sie schon zig Mal gehört hatte, und fast alle auswendig kannte. Wenn alle den Geschichten lauschten, legte Oma Äpfel in die Bratröhre und ein wunderschöner Duft erfüllte den Raum. Die Bratäpfel wurden dann mit großem Appetit verspeist. An solchen Abenden holte der Vater seine Gitarre und spielte Lieder, die er und Mutter mitsangen. Oft schlief ich hierbei ein und Mutter brachte mich ins Bett. Beim Spielen mit Pferd und Wagen hoffte ich, dass es am Abend wieder Bratäpfel geben würde.
Inzwischen war es fast dunkel geworden, als mein Vater in die Küche kam, mich vom Fußboden hochnahm und mir sagte, dass wir beide mit dem Fahrrad wegfahren wollten. Meine Frage "wohin" überhörte der Vater. Ich musste mich warm anziehen, dann setzte ich mich vorn aufs Fahrrad und es ging los. Der kalte Wind trieb uns die Tränen in die Augen. Ich wiederholte die Frage, wohin denn die Fahrt gehe. Aber der Vater gab kein Ziel an, er sagte, ein Verrückter sei an die Macht gekommen und es würde Krieg geben, was verhindert werden müsse. Ich hatte keine Vorstellung davon, was jetzt geschehen sollte.
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